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RpSZ9910767.jpgDie 61. Ausgabe von Jüdisches

Freiheit, Disziplin und Ewigkeit

Die Seele kann wie die Saite der Violine klingen

von Shraga Gorodski

Das Buch Exodus stellt im Wesentlichen drei Hauptthemen dar: Den Auszug aus Ägypten, die Übergabe der Tora, und den Bau des Tabernakels. Die Abfolge dieser Ereignisse soll uns nicht zufällig über die drei entscheidenden Momente einer Reise belehren, die das jüdische Volk in einer fernen Vergangenheit unternahm: Diese Abfolge spricht uns direkt an.

Denn die Befreiung aus Ägypten, sagt der Alter Rebbe, ist mehr, als von Kairo nach Tel Aviv zu reisen: Sich aus der ägyptischen Sklaverei zu befreien bedeutet auch, die individuellen Einschränkungen zu überwinden, die uns versklaven, und die uns dazu führen, jeden Tag unter unserer Leistungsfähigkeit zu bleiben.

Somit ist diese Befreiung der Anfang unserer Reise. Aber es braucht viel mehr. Denn Freiheit ist nicht mehr ist als die Abwesenheit von Beschränkungen, aber sie selbst bringt nichts Greifbares hervor. Wie der berühmte indische Dichter Tagore (Nobelpreisträger 1913) schrieb, lässt sich die menschliche Seele mit der Saite einer Violine vergleichen, die nur dann in der Lage ist, die schönsten Melodien zu schaffen, wenn sie gestimmt und auf dem Steg des Instruments angebracht ist. Eine freie oder lockere Saite ist stumm. Sie kann nichts leisten.

Die Freiheit selbst also kann nichts hervorbringen. Daher sollen wir nicht Freiheit und Zweck verwechseln. Niemand kann behaupten, dass es der Zweck seines Lebens ist, frei zu sein, weil die Freiheit kein Zweck ist. Die Freiheit ist nur eine Vorbedingung, sie ermöglicht die Realisierung eines Zwecks. Aus diesem Grund ist der Auszug aus Ägypten an die Übergabe der Tora gekoppelt: Freiheit erfordert menschliches Engagement und Disziplin.

Die Freiheit und die Tora erschöpfen aber nicht unsere Reise: Das Paar Exodus/Tora erfordert ein drittes Element von noch größerer Bedeutung: Denn befreit von den Fesseln und durch das Licht der Tora inspiriert, können wir schließlich unseren Zweck erfüllen, das heisst, die Anwesenheit G’ttes in unser Leben und in die Welt um uns herum bringen. Und das ist die Bedeutung des Tabernakels, der Wohnstätte G’ttes, die als Vorbedingung gemeinsam durch das gesamte Volk errichtet wird. erst diese gemeinsame mühe führt dazu, dass G-tt in jedem von uns innerlich wohnen kann. Lassen wir uns durch Pessach inspirieren, aber noch wichtiger: Lasst uns die Freiheit nicht mit dem Zweck verwechseln. Nur mit dieser Gesinnung werden wir B’’H einen Hauch von G’ttes Ewigkeit in jedem kleinen Moment unseres Lebens erleben. Chag Sameach!

 

 

 

 


 

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